Von Bettina Bergstedt

LITERATUR Delio Miorandi spricht über seine beiden „Antonio“-Romane

DARMSTADT
Delio Miorandi hat viele Erfahrungen in die Romanfigur des Italieners Antonio einfließen lassen, der Mitte der fünfziger Jahre als Gastarbeiter nach Hessen kam. Mit Co-Autor Claus Langkammer war Miorandi zu Gast im vollbesetzten Literaturhaus Darmstadt.

„Delio Miorandi ist ein Mensch, dem andere Menschen nicht egal sind, einer, der sich einsetzt“, sagte Johannes Breckner, Feuilleton-Chef beim Darmstädter Echo, einführend zur Veranstaltung der Darmstädter Dante-Gesellschaft. Als Sozialarbeiter engagierte sich Miorandi für die Rechte der Gastarbeiter in Deutschland und plädiert bis heute leidenschaftlich für die Eingliederung ausländischer Mitbürger.

Eigentlich wollte der 1938 geborene und in Rovereto aufgewachsene Miorandi nur kurz in Deutschland bleiben. „Jetzt ist ein halbes Jahrhundert daraus geworden“, lacht er. Um sein Studium abzuschließen, kam er nach Frankfurt und Freiburg, heute lebt er im Kreis Groß-Gerau; dort, wo er Menschen um sich hat, die er mag und die ihm wichtig sind.
Einer davon ist Claus Langkammer, ehemaliger Journalist, dem er seine Erlebnisse, Erinnerungen, seine Gefühle und Fakten schilderte, mit dem Ziel, daraus ein Buch zu machen. Zwei sind es geworden, „Vom Eselspfad ins Wirtschaftswunder“ (2014 als Fortsetzungsabdruck in dieser Zeitung) und „Im Land der Verheißung“, das im vergangenen Jahr erschien. Miorandi fabulierte, Langkammer notierte und machte daraus einen lebendigen, anschaulichen Text.

In den Romanen kommt die Figur Antonio aus ärmlichsten sizilianischen Verhältnissen nach Deutschland. Es geht um Aufbruch und Abschied aus dem Land, wo „die Luft nach Zitronen riecht“, und um die prekären Lebensverhältnisse der Tagelöhner zwischen mafiösen Strukturen und der Willkür der Landbesitzer. Ohne Bildung und ohne Zukunft im eigenen Land macht sich der junge Antonio auf nach Deutschland, wo das Leben, zunächst in elenden Baracken, nicht leichter wird. Als Gastarbeiter der ersten Generation schlägt ihm sattes Misstrauen entgegen. Entwurzelung und ein Aufbruch ohne Papiere aus der Not heraus münden in ein Leben in Fremdheit und Sprachlosigkeit. Aktueller könnten die Bücher von Miorandi kaum sein.

Nach einigen von Langkammer gelesenen Buchpassagen schlug Miorandi eine temperamentvolle Rede auf Italienisch an. Isabel Göhl vom Vorstand der Dante-Gesellschaft fasste zusammen: Der „hochpolitisch denkende Miorandi“ habe das 1955 zwischen Italien und Deutschland geschlossene „Anwerbeabkommen“ vor allem als ein „großes Geschäft für beide Länder“ beschrieben. Auch in der Flüchtlingsfrage bestimmen Wirtschaftsinteressen Schicksale – in positive Richtung nur, ist Miorandi überzeugt, wenn Integration gelingt.

Dass sie gelingen kann, erzählte eine Zeitzeugin aus dem Publikum, die 1968 als junges Mädchen aus Agrigento nach Brensbach kam und Zuwendung erlebte, aber auch viele Anfeindungen ertragen musste. So erinnerte Delio Miorandi an die „hohen Werte“ der europäischen Idee: die der Gastfreundschaft und des Teilens.